Archiv der Kategorie: Ausbildung

„Hurra! Es… schneit?!“

Nein, so weit war es gestern zum Dienstabend dann zwar doch noch nicht, und es war auch keine Schneekanone, die wir da auf dem alten Armeegelände zwischen Bergen und Putbus aufgebaut hatten – Trainiert wurde mit zwei verschiedenen Schaumrohren unseres neuen HLF20. Für ausreichende Helligkeit dabei sorgte aber nicht nur die Fahrzeugbeleuchtung, sondern die Beleuchtung von Einsatzstellen mittels verschiedener Lichtquellen ist gleich mitgeübt worden. Und so verwandelte sich binnen weniger Minuten das Vorgelände eines alten Garagenkomplexes in eine hell erleuchete Schaumlandschaft. Übrigens: Schaum, der 100% biologisch abbaubar ist, wird zumeist gegen Fahrzeugbrände eingesetzt.

Und auch sonst gibt es etwas Neues: Unser jüngst eingetretenes aktives Mitglied Jerome Appelbohm, der von der Gingster Freiwilligen Feuerwehr zu uns gewechselt und den Kameraden Danilo Wiegel, der seine Probezeit bestanden hat und seit gestern vollwertiges Mitglied in unseren Reihen geworden ist. Herzlich willkommen bei uns!

FM M. Müller

„…ist wie ein sanftes Ruhekissen.“

Kamerad Lieger erklärt die Hebekissen.

Ein Samstag in der Fahrzeughalle: Aus einem ebenso großen wie schweren Werkstattregal muss etwas von ganz oben geholt werden. Man kommt nicht ran und klettert am Regal hinauf. Plötzlich kippt es um und begräbt dich unter seiner Last. Was nun? „So doof kann man doch gar nicht denken!“ – Doch, kann man. Alles schon passiert. Auch in einem solchen Fall würde die Feuerwehr anrücken, wenn es nicht sofort gelingt, die verunglückte Person aus ihrer eingeklemmten Lage zu befreien. Und auch für solche Einsätze müssen die Kameradinnen und Kameraden der Feuerwehr gerüstet sein.

Materialschau.

Donnerstagabend in der Fahrzeughalle der Bergener Freiwilligen Feuerwehr: Kamerad Daniel Lieger steht vor einer großen, auf dem Boden ausgebreiteten orangen Plane, auf der etliche Gerätschaften zum Anheben von Lasten ausgebreitet sind. Dort liegen Druckluftflaschen, Schläuche und schließlich auch verschiedene Hebekissen. „Hier haben wir die sogenannten Leckbandagen. Man benutzt sie vor allem bei Leckagen in Tanks“, erklärt Lieger und hält einen dicken Zylinder aus Gummi in den Händen. „Wir können bei tonnenförmigen Gegenständen natürlich nicht mit dem klassischen Hebekissen arbeiten, denn erstens sind die Auflageflächen viel zu klein und zweitens würde der Tank einfach wegrollen. Mehr Sicherheit bietet und gleichzeitig mehr Fläche deckt somit die Leckbandage ab, die auf die Leckage gelegt wird und dann aufgepumpt wird.“

Das Multiforcekissen…

Anschließend erklärt er die Funktionsweise des Hebekissens, das etwa halb so groß wie ein Kopfkissen ist und ebenfalls aus dickem Gummi besteht. „Jemand könnte unter einem Auto eingeklemmt sein. Wir verlegen also mindestens zwei Hebekissen, schließen sie an die Pressluftflaschen an, pumpen sie auf und unterbauen das Fahrzeug mit Holz“, erklärt Lieger die Vorgehensweise. „Benötigen wir mehr Höhe, werden die Kissen auf einen weiteren Holzunterbau gelegt, erneut aufgepumpt und der Unterbau anschließend weiter erhöht.“ Doch das sei in den meisten Fällen gar nicht nötig, „denn häufig reichen schon 2 bis 3 cm aus, um eine Person aus ihrer misslichen Lage zu befreien“, führt er weiter aus.

…aufgepumpt.

„Manchmal aber können Hebekissen oder notfalls auch ein Wagenheber nichts ausrichten, etwa wenn jemand in horizontaler Lage eingeklemmt ist“, leitet Lieger zur neuesten Errungenschaft unserer Feuerwehr über: Dem Multiforcekissen. Das besteht aus zwei kreisrunden übereinanderliegenden Luftkammern, von denen sich erst eine aufpumpt, um dann mit der zweiten Lasten wegzudrücken. Und das nicht nur in vertikaler Richtung: „Bei der Leipziger Feuerwehr kommen Multiforcekissen regelmäßig zum Einsatz. Und zwar bei Straßenbahnunfällen“, beschreibt Lieger den dortigen Einsatzzweck. Immer wieder komme es vor, dass Personen bei der Einfahrt der Bahnen zwischen Bahnsteigkante und Zug geraten und eingeklemmt werden oder schlimmer noch: Unter die Bahn geraten.“ Hier helfe kein Standardhebekissen weiter, denn die Bahn müsse seitlich weggedrückt werden, wofür das Multiforcekissen ideal sei: Es werde zwischen Bahnsteigkante und Straßenbahn geklemmt, aufgepumpt und die Bahn so seitlich etwas aus dem Gleis gehoben, um die verunglückte Person zu retten. Denn immerhin können diese speziellen und vor allem einzeln zu verwendenden Hebekissen Lasten von 28 t bewegen. „Mit denen kann man anschließend die Bahn sogar wieder auf die Schienen setzen“, so Lieger. Ein unschätzbarer Zeitvorteil: Denn bis ein Spezialkran angefordert, einsatzbereit sei und in Aktion trete, könne es für den Verunglückten schon längst zu spät sein.

Nun haben wir hier bei uns in Bergen zwar keine Straßenbahn, dafür aber regen Regionalverkehr auf der Schiene. Zudem: Die halbstündlich in den Bergener Bahnhof einfahrenden Züge sind keine tonnenschweren Eisenbahnwaggons mehr, sondern Triebzüge in Leichtbauweise. Wenn man so will, eine Tram in Groß und damit genau richtig für unser Multiforcekissen.

Und nachdem Lieger dieses Spezialhebekissen auf die Höhe eines Bürostuhls aufgepumpt hat, nimmt Kamerad Tilo Döhring vor versammelter Mannschaft demonstrativ auf dem Multiforcekissen Platz: „Diese Belastungsprobe ist dann also bestanden!“ – Auch wenn der Hauptlöschmeister nur einen Bruchteil der Hebekapazität wiegt.

FM M. Müller

Zwischen Rohren und Schnecken

Donnerstag ist Dienstabend. Und…“wieder flattern durch die Lüfte; süße, wohlbekannte Düfte; streifen ahnungsvoll das Land.“

Doch halt! Ganz so blumig wie in Eduard Mörikes Frühlingsgedicht ging es dann gestern doch nicht zu, denn wir waren bei einer sogenannten OTS (operativ taktisches Studium) in der Klärschlammverwertungsanlage des „Zweck- und Abwasserverbandes Rügen“ (ZWAR) in Bergen zu Gast.

Dort erfuhren unsere Kameradinnen und Kameraden nicht nur alles rund um die Energie- und Wärmegewinnung aus Klärschlamm, sondern auch, welche Besonderheiten im Ernstfall innerhalb einer solchen Anlage lauern können. Und es ist wirklich alles dabei: Hohe Temperaturen und Drücke, hochbrennbare Öle und Gase, Elektrizität, Chemikalien! Es ist doch allerhand, was dort durch das Gewirr von Rohren, Schnecken und Lagern läuft.

Allerdings war es keine reine Informationsveranstaltung, sondern wurde auch genutzt, um brandsicherheitstechnische Abläufe zu optimieren. So werden wir unter anderem einen verbesserten Zugang zur hochmodernen Anlage erhalten – und wenn ihr demnächst auf dem Gelände einen Windsack wehen seht, dann ist das nicht zuletzt das Ergebnis des gestrigen Abends.

FM M. Müller

Der eine Ring

Ein Verteiler der Ringleitung

Pünktlich zum Sommeranfang wurde es nass in Bergen auf Rügen. Doch kam das Wasser nicht nur vom Himmel herab, sondern auch von unten – bei unserem Dienstabend. Geübt wurde das Verlegen einer Ringleitung am Beispiel eines Lagerhallenbrandes.

Dafür wurden zunächst satte und rund 350 m Schlauch in einem Ring um eine Lagerhalle im Bergener Industriegebiet gelegt. Unter einer Ringleitung versteht man  einen geschlossenen Wasserkreislauf, in den um strategisch wichtige Positionen Verteiler angeschlossen werden, um für die Angriffstrupps möglichst kurze Wege von der Wasserversorgung zum Brandherd zu ermöglichen.

350 m Schlauch. Ein Klacks!

Nach wenigen Minuten war diese erste vorbereitende Arbeit getan, die Schlauchkupplungen nochmals überprüft und es hieß „Wasser Marsch!“ Doch auch unsere gute alte Drehleiter ist zum Einsatz gekommen. Zu dritt ging es samt Ausrüstung in die Höhe, um den Löschangriff auf das Dach zu üben – inzwischen kam übrigens auch die Sonne wieder raus.

Ab nach oben!

Damit auch wirklich jeder etwas zu tun hatte, ist jedes Fahrzeug vor der Abfahrt mit mindestens einem Umschlag ausgestattet worden – einer Zusatzaufgabe. So wurde beispielsweise auch die Objektbegehung geprobt: Es musste festgestellt werden, welche Möglichkeiten für die Einsatztrupps, etwa Angriffs-, Wasser- und Schlauchtrupps bestehen, um überhaupt in das Gebäude vordringen zu können.

Insgesamt und kurz gesagt: Gelungener Abend!

FM M. Müller

Dachstuhlbrandsimulation

Beim letzten Dienstabend am 24. Mai ging es wieder praktisch zu:

Die Atemschutzgeräteüberwachung.

Geübt wurde das Vorgehen in Einsatzobjekten. Simuliert worden ist ein Dachstuhlbrand in einem leerstehenden Wohngebäude in der Bergener Arkonastraße, bei dem drei unserer vollbesetzten Einsatzfahrzeuge vorgefahren sind. Schnell wurde zunächst die Wasserversorgung aufgebaut, bevor drei Angriffstrupps unter schwerem Atemschutz vorgegangen ist. Auch das Retten einer hilflosen Person wurde trainiert. Dazu wurde ein Dummy im zweiten Obergeschoss platziert, der mittels einer Feuerwehrsicherheitsleine aus dem Fenster heraus zur Trage transportiert werden musste.

Fast gerettet!

Und so schnell, wie wir gekommen sind, waren wir auch wieder verschwunden. Nach rund 45 Minuten waren alle Geräte in den Fahrzeugen verstaut und die belegten Anwohnerparkplätze wieder frei. Vielen Dank an die Anwohner für das Verständnis.

FM M. Müller

Da bleibt kein Auge trocken

Das HLF20.

Donnerstagabend – Feuerwehrabend. Nicht nur zu Einsätzen kommen unsere Kameradinnen und Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr zusammen, sondern auch an den vierzehntäglichen Dienstabenden. Das ist Pflicht. Denn immer wieder müssen bereits erlernte Handgriffe gefestigt und wiederholt, neue dazugelernt werden. Rund um Einsätze mit dem neuen Hilfeleistungslöschfahrzeug (HLF20) ging es an einem solchen Abend Mitte April.

Nebelige Angelegenheit.

Der Einsatz des Nebellöschsystems und der Rettungssäge steht dieses Mal auf dem Plan. Neben einer eigens aufgebauten Wohnungstür postieren sich Daniel Kruse & Martin Lange und weisen die versammelte Mannschaft ein. „Ein Nebellöschsystem ist vielseitig einsetzbar“, erklärt Kruse. So kann man mit diesem System, das man in Fachkreisen auch Fognail nennt, unter anderem Räume abkühlen, ohne eine Tür direkt zu öffnen, beispielsweise bei Wohnungsbränden in voller Ausdehnung. Eine effektivere Anwendung findet man jedoch bei Dachstuhlbränden. Mit diesem Löschsystem kann man Entstehungsbrände im Dachstuhl schnell löschen und somit eine katastrophale Ausbreitung verhindern, indem man ein kleines Loch in das Dach schlägt und dort die Löschlanze durchsteckt. Durch den feinen Wassernebel, kann man Entstehungsbrände schnell in den Griff bekommen und somit eine Ausbreitung zu einem Dachstuhlbrand in voller Ausdehnung verhindern.  Ein anschließender Innenangriff, um eine abschließende Kontrolle zu machen, muss trotzdem durchgeführt werden. Man spart zum einen sehr viel Wasser und vermeidet somit auch einen erheblichen Wasserschaden und am Ende hat man eine wesentlich kürzere Einsatzzeit. Auch kann man mit der richtigen Lanze PKW-Brände schnell und mit sehr wenig Wasser löschen. Wichtig ist das Training mit diesem System, damit man es sicher und effektiv einsetzen kann. „Probiert es selber aus und macht euch ein Bild davon“, gibt Kruse den Befehl. Mit einem Metalldorn und einem einzigen Schlag gegen die Tür schafft sich das erste Zweier-Team seinen „Spion“: In Windeseile ist die Lanze durchgesteckt und das Wasser aufgedreht, das in weitwinkeligem Sprühstrahl von der anderen Seite der Tür in feinen Tröpfchen herausschießt.

Mit der Twin-Saw im Einsatz.

Gänzlich trocken bleibt es dagegen an der zweiten Station und der Rettungssäge, deren Einsatz Bergens Wehrführer André Muswieck erklärt: „Damit kann man einfach alles schneiden. Bis auf Stein und spanende Metalle, wie etwa Eisenbahnschienen“, führt Muswieck in den Gebrauch dieses Werkzeuges ein, das an einen übergroßen Trennschleifer erinnert. Doch statt einer Schmirgelscheibe rotieren hier zwei gegenläufige Metallsägeblätter in der Maschine. „Wir haben hier den großen Vorteil, dass der Funkenflug minimiert wird und der ständige Austausch von abgenutzten Trennscheiben entfällt“, so der Hauptbrandmeister weiter. Natürlich steht auch hier die Sicherheit an erster Stelle und so ist neben Gesichts- und Hörschutz auch spezielle Schnittschutzkleidung beim Einsatz Pflicht. Nach der Einweisung geht es auch schon los und die Säge läuft. An einem ausrangierten Tankbehälter probiert sich Kameradin Annett Muswieck aus. Kraftvoll sägt sie sich durch das Material, bis das angestrebte Ziel erreicht ist.

Aufbau des Wasserwerfers.

Zum Schluss des Dienstabends steigen schließlich noch einige Kameradinnen und Kameraden dem im Januar übergebenen HLF20 buchstäblich aufs Dach und bauen den mächtigen Wasserwerfer auf. „Wasser marsch“ ertönt das Kommando, Maschinist Otto Chimm betätigt die Pumpe und schon schießt ein starker Wasserstrahl in Richtung des Hubschrauberlandeplatzes der Feuerwehrtechnischen Zentrale. Weil es an diesem Tag allerdings sehr windig ist, bleibt dabei kein Auge trocken.

Wieder was gesehen, wieder was gelernt. So kann man diese spannenden Stunden mitten in unserem Bergen auf Rügen zusammenfassen. Donnerstagabend – Feuerwehrabend.

FM M. Müller

13 erfolgreiche Absolventen des TH-Lehrganges

Wo kein Schlüssel mehr hilft, muss die Schere ran.

Brände zu bekämpfen, das ist heute nur eine der zahlreichen Aufgaben, die die Freiwilligen Feuerwehren unseres Landes leisten müssen. Auch das Retten von Personen und Tieren aus verunglückten Fahrzeugen, die Beseitigung von Sturmschäden und sogar das Öffnen von verschlossenen Türen gehören dazu – denn hinter einer solchen könnte sich ein hilfloser Mensch in Gefahr befinden. Diese und noch viele Aufgaben mehr umfasst die Technische Hilfe (TH). Da muss die Ausbildung stimmen, damit später jeder Handgriff perfekt sitzt. Einen solchen Lehrgang schlossen nun insgesamt 13 Kameradinnen und Kameraden der Feuerwehren Stadt Bergen auf Rügen, Sundhagen und Stralsund ab.

Jetzt der richtige Handgriff!

In der insgesamt 35-stündigen Ausbildung, die an den vergangenen Wochenenden absolviert worden ist, erlangten die Teilnehmer_innen das Rüstzeug, das für den Arbeitsalltag notwendig ist. Wobei: „Das Wort Alltag sollte man eigentlich gar nicht benutzen, denn zum Beispiel jeder Verkehrsunfall ist anders“, erklärt Hauptlöschmeister Andreas Burwitz vor der versammelten Mannschaft. „Diesel-, Benzin-, Gas- und neuerdings vermehrt Hybridantriebe erfordern nicht nur grundverschiedene Handgriffe bei Unfallereignissen, sondern auch Sicherheitsvorkehrungen“, fährt Burwitz fort. Dies mache den Umgang mit Rettungskarten zur unabdingbaren Grundvoraussetzung, bevor man Spreizer und Schere an einem Fahrzeug ansetze. Schließlich soll nicht nur das Leben eines Verunfallten gerettet, sondern auch das der Retter nicht gefährdet werden. Auch das taktisch richtige Vorgehen, um Patienten aus Unfallfahrzeugen zu bergen wurde vermittelt. Denn immerhin gilt es, weitere Verletzungen unbedingt auszuschließen.

Eine Lastensicherung.

Daneben ist auch der Umgang mit allen möglichen Rettungsgeräten gelehrt worden: Pneumatische, hydraulische Rettungs- und Lasthebegeräte, wie etwa die Seilwinde gehören dazu. Kurzum alles, was in irgendeiner Weise zum Einsatz kommen könnte.

Die Feuerprobe bestand schließlich darin, zum Abschluss den Theorieteil zu bestehen und abschließend während eines simulierten Unfalls eine Person patientengerecht aus einem Fahrzeug zu retten und befreien, das das Black Bulls Stockcar Team äußerst realitätsnah vorbereitet hatte. Vielen Dank an dieser Stelle natürlich auch an den Sanitätszug Rügen des DRK, der etliche wichtige Impulse zur Patientenrettung beitrug.

FM M. Müller
HLM A. Burwitz

Rettungskarten – Dem Fortschritt hinterher

Fahrzeugschau im Gerätehaus.

„Der Diesel ist tot!“ – man hört diesen Satz in letzter Zeit immer öfter. Und selbst dem Benziner scheint es in den kommenden Jahren an den Kragen zu gehen, glaubt man den Rufen aus der Politik. Doch auch der Zahn der Zeit nagt an den beiden inzwischen über 100 Jahre alten Motoren. Zwar fristen PKW mit alternativen Antrieben in der Bundesrepublik mit einem Anteil von rund 1,7 % (Stand: 2016) noch immer ein Schattendasein, allerdings wächst ihre Verbreitung ebenso wie das Umweltbewusstsein stetig. Doch ob Auto-Gas-, Elektro- oder Hybridtechnologie – beide Antriebsarten stellen zusammen mit immer mehr eingebauten elektronischen Finessen auch die Rettungskräfte vor gewaltige Herausforderungen, vor allem bei Unfällen.

Ein falscher Benziner.

Szenenwechsel: In der Fahrzeughalle der Freiwilligen Feuerwehr Stadt Bergen auf Rügen parken an diesem Donnerstagabend, Dienstabend, statt der üblichen Feuerwehr-, drei Privatfahrzeuge buchstäblich im Zentrum des Interesses. Gebannt stehen um einen Audi A6-Quattro herum einige Kameradinnen und Kameraden. „Wir stellen uns vor: Das Auto ist verunglückt, wir wurden zu einem Technische-Hilfe-Einsatz (TH) gerufen, müssen mindestens eine Person daraus befreien – was haben wir zu beachten und vor allem: Was müssen wir nach der Ankunft über das Fahrzeug wissen?“ beschreibt Hauptlöschmeister Andreas Burwitz, der im Hauptberuf als Disponent in der Rettungsleitstelle Stralsund tätig ist, die Situation. Die Feuerwehrleute gehen um das Fahrzeug herum, überlegen nicht lange, sammeln die Antworten: „Die Airbags haben offenbar nicht ausgelöst, es sind zwei leere Kindersitze auf der Rückbank, die Batterie ist hinten im Kofferraum und…“ einen genauen Blick auf die Typbezeichnung am Heck werfend „…es ist ein Benziner.“ Doch falsch gedacht! Denn bei diesem Audi-A6 handelt es sich um einen nachgerüsteten Kombi mit Auto-Gas-Antrieb und einem unterhalb des Kofferraums verborgenem Tank, der äußerlich, anders als Neufahrzeuge, nicht als solcher gekennzeichnet werden muss. Fatal ist auch, dass weder Betriebsanleitung, noch Rettungskarte vorhanden sind.

Hybrid voller Technik.

Auf dieser wäre ganz genau verzeichnet, wo unter anderem Airbags verbaut sind, wichtige Leitungen und Kabel entlangführen und wo man mit dem Rettungsgerät besser nicht zu arbeiten beginnen sollte, wolle man sein eigenes Leben und das des Verunglückten im Einsatz nicht in Gefahr bringen. Doch verfügen nur wenige PKW über solche Karten, die zumindest bei Neufahrzeugen rasch auffindbar meist hinter der Sonnenblende verstaut sind. Wenn überhaupt: „Das ist eigentlich ein Unding, die müssten zur Pflicht werden“, meint Gemeindewehrführer André Muswieck. „Die Fahrzeuge werden technisch immer aufwendiger und wir stehen dann da und wissen nicht, wo wir ansetzen können, ohne selbst zu verunglücken, während es eigentlich um Sekunden geht“, fährt er fort.

Gefährliche Farben im Toyota.

Dieser Umstand kommt besonders beim Toyota RAV-4-Hybrid zum Tragen, den das Autohaus Schuett-Ahrens aus Bergen an diesem Abend zur Verfügung gestellt hat. Über den offenen Motor gebeugt steht Hauptfeuerwehrmann Rico Döhring und erklärt einigen Kameradinnen und Kameraden, was es eigentlich mit diesen ominösen dicken, orange-leuchtenden Kabeln auf sich hat, die in eine blankpolierte Edelstahlbox münden, das Herz des Hybrid-Antriebes. „Dabei handelt es sich um Starkstromkabel, die 300 Volt führen. Auf keinen Fall anfassen! Auch nicht, wenn das Fahrzeug scheinbar ohne Energie ist“, warnt Döhring. Daneben aufgereiht sind eine Reihe von weiteren Kabeln und etlichen Sicherungen, zwischen denen Behälter mit leuchtend gelbem Öl und violetter Kühlflüssigkeit wie Cocktailgläser verbaut sind. Und noch mehr Kabel. Und noch mehr Leitungen. „Mit einem klassischen Motor, der relativ einfach strukturiert ist und wie man ihn schon in der Schule kennenlernt, hat das hier eigentlich gar nichts mehr zu tun“, ergänzt Andreas Burwitz aus einiger Entfernung und kommt hinzu, in seinem Schlepptau Hauptfeuerwehrfrau Jette Steltner, die ein aufgeklapptes Notebook trägt.

Jette Steltner und die Rettungskarten.

„Rettungskarten in Straßenfahrzeugen sind tatsächlich keine Pflicht, aber gerade bei einem solchen Hybriden steht man als Feuerwehrmann im Einsatz selbst als technisch versierter Mensch erst einmal wegen der schier unüberschaubaren Vielzahl von Fahrzeugtypen ratlos da“, erklärt Burwitz. Denn zuallererst müsse immer die Batterie abgeklemmt werden, um etwa zu verhindern, dass sich noch nicht ausgelöste Airbags während der Menschenrettung explosionsartig entfalten. Sind weder Rettungskarte noch Bedienungsanleitung im Fahrzeug vorhanden, beides schreibt der Gesetzgeber bis heute übrigens nicht vor, springt die oft weit entfernte Rettungsleitstelle per Funksprechverbindung ein. Dort sind in einer Datenbank alle Rettungskarten der meisten Fahrzeugtypen und -modelle gespeichert. In einer solchen blättert Steltner in diesem Moment auf ihrem Notebook. „Zuerst wird Abdeckung 2 geöffnet, dann…“, zitiert sie aus der mehrschrittigen Anleitung, bis schließlich die Batterie ausgeschaltet werden kann und das gesamte Fahrzeug stromlos ist. „So eine bebilderte Datenbank brauchen wir an sich auf jedem Einsatzfahrzeug“, kommentiert ein Kamerad. Zustimmung in der Runde. Denn jedes Fahrzeug ist anders und kaum einer kennt sie alle aus- und vor allem inwendig.

Selbst der unscheinbare graue Renault Clio direkt daneben ist voller Technik. Seine Batterie steckt, anders als beim Toyota und dem Audi, nicht im Kofferraum und verfügt zudem über ein Steuergerät, das wichtige Sicherheitsfunktionen, wie etwa Fahrsicherheits- assistenten reguliert. „Hier bitte niemals etwas manipulieren“, warnt Burwitz besonders im Hinblick auf noch nicht ausgelöste Airbags, die ebenfalls von diesem Computer kontrolliert werden. Und weiter: „Selbst ein scheinbar einfaches Auto, ein Kleinwagen, kann sich im Einsatzfall als unberechenbares Technik-Biest entpuppen, wenn man ohne Rettungskarte einfach so anfängt, eine der Säulen aufzuschneiden, um Insassen herauszuholen. Und das kann unter Umständen nicht nur das Leben des verunglückten Fahrers, sondern auch das der Retter kosten.“

Rettungskarte des ADAC.

Solange Rettungskarten nicht verpflichtend für jeden PKW an Bord sein müssen, ganz gleich ob mit Diesel-, Benzin-, Gas-, Hybrid- oder Elektroantrieb, bleibt bislang jeder Unfall unter Umständen ein gefährliches Glücksspiel. Doch sollte jeder Fahrzeughalter im Interesse der eigenen Sicherheit seinen PKW leicht auffindbar mit einer solchen ausrüsten. Rettungskarten sind zum Beispiel direkt beim Fahrzeughersteller, Automobilclubs wie dem ADAC oder auch in Internet-Datenbanken erhältlich.

FMA M. Müller (Text)
OBM T. Döhring (Fotos)

Langer Samstag

Kay Riedel vor den Belastungsproben.

Im Feuerwehrtechnischen Zentrum (FTZ) in Bergen ist an diesem Samstag seit dem Morgen einiges los. Das Haus, in dem vor allem Lehrgänge und Weiterbildungen von Feuerwehren der Insel Rügen und auch vom Festland stattfinden, ist buchstäblich voll bis unter das Dach.

Aus dem Erdgeschoss dringt dichter Nebel. Dort befindet sich die sogenannte Atemschutzstrecke. Dabei handelt es sich um einen Parcours, der aus allerhand Hindernissen besteht. Mit voller Atemschutzausrüstung und sichtlich erschöpft kommt aus dem Trainingsraum Kamerad Kay Riedel, der den Durchgang in rund 20 Minuten absolviert hat: „Wir tappen bei all dem Dunst wirklich im Dunkeln, man sieht die Hand vor Augen nicht. Und trotzdem müssen Hindernisse erkannt, umgangen oder beseitigt, Türen geöffnet und geschlossen, verschiedene Etagen erklommen werden“, berichtet der Hauptfeuerwehrmann.

Der Leitstand der Atemschutzstrecke.

Bevor es allerdings in das Labyrinth aus niedrigen Käfigen geht, muss jedoch ein sportlicher Belastungstest bestanden werden. Innerhalb von zwei Minuten muss mit voller Atemschutzausrüstung, immerhin deutlich schwerer als 20 Kilogramm, eine Strecke von 19 Metern auf der Endlosleiter zurückgelegt, ebenso innerhalb von zwei Minuten ein Weg auf dem Laufband hinter sich gebracht werden. „Diese Auffrischung machen wir jedes Jahr. Zwar sind wir alle routiniert, doch es schleicht sich auch die Gefahr ein, sich darauf auszuruhen und mitunter schwerwiegende Fehler nicht mehr zu erkennen“, erklärt Riedel und legt seine Ausrüstung ab. Als eine von zwei teilnehmenden Frauen hat auch Bianca Pfeiffer, hauptberuflich Leiterin eines Bergener Pflegedienstes, die Strecke erfolgreich absolviert. Sie ist bereits seit acht Jahren Atemschutzgeräteträgerin und noch immer mit Herzblut dabei.

Einbinden einer Steckleiter.

Während sich unten die „alten Hasen“ schon wieder für den Abmarsch bereitmachen, kommen aus dem oberen Stockwerk 16 Feuerwehrmannanwärter und –anwärterinnen, die zur Zeit bei Kreisausbilder Daniel Kruse den Truppmannlehrgang besuchen und aus weiten Teilen der Insel stammen. „Bei den zu vermittelnden Inhalten dieser Ausbildung handelt es sich um die Grundlagen für die Arbeit in der Feuerwehr“, berichtet Kruse. Diese sind notwendig, um überhaupt Einsätze mitfahren zu können. Heute steht das Anschlagen von Geräten auf dem Lehrplan. Die dafür notwendige Knotenkunde wurde am vergangenen Wochenende vermittelt: Zimmermannsschlag, Mastwurf und Halbschlag sind dabei nur einige der Knoten, die im Schlaf beherrscht werden müssen.

Transport in das 1. Obergeschoss.

Auf dem Vorplatz des FTZ versammelt sich die Mannschaft, während Regen einsetzt. „Wir sind ja keine Schönwetterfeuerwehr und da stört das bisschen Wasser von oben nicht“, sagt Amtswehrführer Frank Blohm mit einem verschmitzten Lächeln, der heute mit dabei ist. Schon werden die ersten Steckleitern angeschlagen, die in das erste Stockwerk mittels Feuerwehrleinen transportiert werden müssen. „Steckleiterteile innerhalb von Einsatzobjekten sind lebensnotwendig zur Selbstrettung“, erläutert Blohm. „Ist der Rückweg über das Treppenhaus versperrt, benötigt man zum Abseilen einen Sicherungsanker. Dafür nutzen wir die Leiter, die quer hinter einen Türrahmen angebracht wird“, fährt der gestandene Feuerwehrmann fort. Doch auch andere Gerätschaften, wie Schläuche, Äxte und andere Werkzeuge werden häufig zeitsparend von außen nach innen transportiert, weswegen man unbedingt die Knoten beherrschen müsse, will man vermeiden, dass auf halber Strecke alles zu Boden fällt und im schlimmsten Fall zu Personenschäden führt. Nachmittags fahren die angehenden Truppmänner und –frauen zum Sana-Krankenhaus, um einen Dummy vom Dach abzuseilen und die Personenrettung zu trainieren.

Eisbeine unter Dampf.

Am Abend zieht ein verlockender Duft durch das Bergener Gerätehaus, denn der Gemeindewehrführer André Muswieck hat zum traditionellen Eisbeinessen eingeladen, zu dem neben etlichen Stadtvertreterinnen auch die Bürgermeisterin Anja Ratzke erschienen ist. Auch die Partner-Feuerwehr aus Oldenburg in Holstein ist mit einer Abordnung dabei. Schon am Vortag haben zahlreiche Mitglieder der Ehrenabteilung, der sogenannten „alten Garde“, dafür über 60 Eisbeine in der feuerwehreigenen Gulaschkanone vorbereitet.

Bianca Pfeiffer teilt aus.

Punkt 18 Uhr ist der Versammlungsraum voll, Muswieck dankt den anwesenden Kameradinnen und Kameraden für die in diesem Jahr bisher geleistete Arbeit und schon heißt es „Essen fassen!“ Bier oder andere alkoholische Getränke für die Einsatzabteilung gibt es an diesem langen Samstag allerdings keine – denn wenn der Melder einen Alarm signalisieren sollte, müssen sie schließlich sofort bereit sein und ausrücken, unsere Bergener Brandschützer.

FMA M. Müller

Feuerwehr unter Strom

Aufbau der Gerätschaften

Rügen ist Bahnland und steht seit rund 30 Jahren unter Strom – so lange läuft der Zugbetrieb auf der Insel bereits elektrisch. Das stellt auch die Freiwilligen Feuerwehren Rügens vor einige Aufgaben, denn nicht immer kann das Notfallmanagement der Deutschen Bahn AG sofort vor Ort sein, wenn etwas passiert. In diesem Fall müssen die Brandbekämpfer eingreifen, wenn sie denn eine entsprechende Ausbildung absolviert haben. Was alles bei solchen Ereignissen zu beachten ist, frischten insgesamt zehn Kameradinnen und Kameraden unserer Bergener Feuerwehr am 16. November auf.

Anklemmen des Erdungskabels

„Ein Kesselwagen verunglückt im Bahnhofsbereich, Mitarbeiter der Bahn müssen erst aus ihrer Zentrale anfahren und die Feuerwehr muss ran, denn die ist im Regelfall zuerst am Unfallort“, erklärt Bahnmeister Röske vor der versammelten Mannschaft. „Was ist nun zu tun?“ Zunächst informiere die Leitstelle der Bahn die Notrufzentrale, die der zuständigen Feuerwehr mitteilt, dass der Fahrdrahtstrom abgestellt sei. Sonst solle niemand sein Leben riskieren, denn durch die Leitungen fließen beträchtliche Energien: 15.000 Volt und 8 bis 9 Kiloampere sind es in der Regel. „Das reicht, um 10 Mal tödlich zu verunglücken“, warnt Röske.

Einhängen der Erdungsstange

Ist der Gleisabschnitt stromlos, kann die Feuerwehr sofort mit der Arbeit beginnen. Mittels Erdungskabel, das an die Schiene geschraubt wird, muss die Oberleitung zunächst geerdet werden. Das Kabel selbst wird an eine Erdungsstange angeschlossen, die in die Oberleitung gehängt wird. Dasselbe wird mit einer zweiten getan. Doch halt! „Bevor es an die Lösch- und Bergungsarbeiten geht, muss erst sichergestellt werden, dass der Spannungsprüfer grün leuchtet. Das bedeutet: Keine Gefahr!“, erläutert Röske. Im Anschluss an die Theorie folgte die Praxis, in der die Kameradinnen und Kameraden selbst den Aufbau übten. Zwei der zehn Anwesenden waren übrigens Frauen, die die Aufgaben natürlich problemlos meisterten. „Bei uns sind Männer und Frauen überall gleichberechtigt. Das sogenannte schwache Geschlecht gibt es bei uns gar nicht“, berichtet augenzwinkernd Anette Muswieck, die tagsüber als OP-Schwester im Bergener Krankenhaus arbeitet.

Neben der Ausbildung erfuhren die Feuerwehrleute auch allerhand Wissenswertes über die Modernsierungen auf der Bahnstrecke Stralsund – Sassnitz / Binz von Bahnmeister Röske. So werde der gesamte Bahnbetrieb ab Ende November auf das ESTW-System (elektronisches Stellwerk) umgestellt, das Unfälle durch menschliches Versagen weitgehend ausschalten wird. Auch dadurch wird Deutschlands Sonneninsel ein ganzes Stück sicherer. Und im Fall des Falles ist unsere Feuerwehr ohnehin sofort vor Ort.

FMA M. Müller