Freiwillige Feuerwehr trainiert Gefahrgutunfall

Achtung Gefahr!

Gefahrgutunfall in der Rugardstraße, Bergen auf Rügen! Austritt von 98-prozentiger Schwefelsäure! Eine verletzte, nicht ansprechbare Person! Weitere Lagesituation unklar!“ Was in dieser Kurzform nüchtern klingt, ist im Notfall dramatisch. Bei Unfällen mit Chemikalien drohen ganz besonders große Gefahren für Leib und Leben. Verätzungen der Haut sind da noch leichtere Verletzungen: Mit der Luft eingeatmete chemische Dämpfe greifen sofort die Lungen an und führen schnell zu Bewusstlosigkeit, im schlimmsten Fall zum Tod durch Ersticken. Auch an der „frischen Luft“.

Fast einsatzbereit.

Zum Glück passiert das zwar nur sehr selten, aber es passiert. Um für solche Einsätze bereit zu sein, muss trainiert werden und ist fester Bestandteil der Ausbildung bei der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Bergen auf Rügen. Um in den Gefahrguteinsatz gehen zu können, benötigt man die sogenannte CSA-Ausbildung (Chemikalienschutzanzugträger). Allerdings werden im Einsatzfall auch Feuerwehrleute ohne diese Qualifikation benötigt, denn es braucht für den Aufbau des nötigen Equipments helfende Hände und auch beim Anziehen der CSA-Anzüge brauchen die jeweiligen Träger immer einen Helfer der sie unterstützt den Anzug richtig anzuziehen. Beim Dienstabend am vergangenen Donnerstag wurde das eingangs beschriebene Szenario umfassend trainiert. Mit insgesamt fünf Fahrzeugen rückten die Kameradinnen und Kameraden zur Feuerwehrtechnischen Zentrale (FTZ) aus, wo ein Unfall mit Chemikalien nachgestellt worden ist.

Auch das gehört dazu.

Sofort nach der Ankunft werden die Befehle ausgegeben: Der vier Mann starke CSA-Trupp zieht sich zuerst mit Unterstützung der sogenannten Helfer die CSA Anzüge an. Unterdessen baut ein anderer Trupp aus Steckleitern und Plane einen Notdekontaminationsplatz auf. Vom Hydranten aus wird eine rund 100 Meter lange Wasserversorgung zum Notdekon-Becken gelegt – und das hat innerhalb von nur 15 Minuten nach Einsatzbereitschaft des CSA-Trupps zu geschehen. Während andere Kameradinnen und Kameraden zuvor die weiträumige Absperrung errichtet haben, bauen weitere das Schnelleinsatzzelt auf: Es gewährleistet, dass sich Kameraden vor Wind und Wetter geschützt umziehen bzw. im Bedarfsfall andere Schutzausrüstungen anziehen können.

Dekontamination.

Mittlerweile bewegt sich der CSA-Trupp in seinen schweren Chemikalienschutzanzügen auf die in etwa 50 Metern entfernt liegende bewusstlose Person zu, neben der ein umgekippter Behälter mit der Schwefelsäure befindet. Oberste Priorität hat das Retten von Leben. Der Trupp gibt während der Rettungsaktion laufend Lagemeldungen an den Einsatzleiter ab, der den gesamten Einsatz genauestens koordiniert. Unterdessen ist die bewusstlose Person gerettet, der Kanister gesichert worden. Auf einer Trage wird der Verunglückte aus dem Gefahrenbereich gebracht und dem Rettungsdienst übergeben. Doch aus der Enge und drückenden Hitze der Schutzanzüge dürfen die darin Eingeschlossenen noch längst nicht heraus, denn die Anzüge sind während des Einsatzes mit der Säure kontaminiert worden. Am Notdekontaminationsplatz stehen bereits zwei Kameraden in gelben Schutzanzügen und Waschbürsten bereit. Nacheinander besteigen die Mitglieder des CSA-Trupps das Becken und werden abgeschrubbt, dekontaminiert, sodass sie im Schnelleinsatzzelt ihre mehr als 35 Kilogramm schwere Ausrüstung gefahrlos ablegen können.

Und das tun sie dann endlich auch. Wieder mit Hilfe von vier Kameraden. Zwar steckten sie nur für etwa 30 Minuten in den Anzügen, doch sieht man ihren schweißbedeckten Gesichtern die Erschöpfung deutlich an.

Es erfolgte eine Auswertung. Der Ausbildungsleiter Frank Blohm lobte alle Anwesenden für ihre sehr gute Mitarbeit, mahnte allerdings auch an, dass diese Übung unter idealen Bedingungen abgelaufen sei. Denn nicht immer handle es sich bei Gefahrgutunfällen um kleine umgekippte Kanister im Freien und bei Tage, sondern könnten in ihren Dimensionen auch wesentlich umfangreicher ausfallen.

Man kann sich natürlich fragen, wo denn auf unserer Insel schon Gefahrgutunfälle passieren sollten. Die Gegend ist ja schließlich eher landwirtschaftlich geprägt. Doch der Schein trügt. „Chemikalien werden in vielen Unternehmen eingesetzt: Von der Reinigungsfirma bis zur Molkerei und sogar im Haushalt kann es zu Unfällen kommen, die einen derart umfangreichen Einsatz notwendig machen“, erklärt Oberbrandmeister Daniel Kruse.

Die Ausbildung erfolgte auch im Hinblick auf den sogeannten Gefahrgutzug des Landkreises Vorpommern- Rügen, wo die Bergener Wehr eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Sollte es zu Gefahrgutunfällen im Landkreis kommen, so werden die Bergener Kameradinnen und Kameraden mit sechs CSA Trägern ausrücken.

FM M. Lietz