„…ist wie ein sanftes Ruhekissen.“

Kamerad Lieger erklärt die Hebekissen.

Ein Samstag in der Fahrzeughalle: Aus einem ebenso großen wie schweren Werkstattregal muss etwas von ganz oben geholt werden. Man kommt nicht ran und klettert am Regal hinauf. Plötzlich kippt es um und begräbt dich unter seiner Last. Was nun? „So doof kann man doch gar nicht denken!“ – Doch, kann man. Alles schon passiert. Auch in einem solchen Fall würde die Feuerwehr anrücken, wenn es nicht sofort gelingt, die verunglückte Person aus ihrer eingeklemmten Lage zu befreien. Und auch für solche Einsätze müssen die Kameradinnen und Kameraden der Feuerwehr gerüstet sein.

Materialschau.

Donnerstagabend in der Fahrzeughalle der Bergener Freiwilligen Feuerwehr: Kamerad Daniel Lieger steht vor einer großen, auf dem Boden ausgebreiteten orangen Plane, auf der etliche Gerätschaften zum Anheben von Lasten ausgebreitet sind. Dort liegen Druckluftflaschen, Schläuche und schließlich auch verschiedene Hebekissen. „Hier haben wir die sogenannten Leckbandagen. Man benutzt sie vor allem bei Leckagen in Tanks“, erklärt Lieger und hält einen dicken Zylinder aus Gummi in den Händen. „Wir können bei tonnenförmigen Gegenständen natürlich nicht mit dem klassischen Hebekissen arbeiten, denn erstens sind die Auflageflächen viel zu klein und zweitens würde der Tank einfach wegrollen. Mehr Sicherheit bietet und gleichzeitig mehr Fläche deckt somit die Leckbandage ab, die auf die Leckage gelegt wird und dann aufgepumpt wird.“

Das Multiforcekissen…

Anschließend erklärt er die Funktionsweise des Hebekissens, das etwa halb so groß wie ein Kopfkissen ist und ebenfalls aus dickem Gummi besteht. „Jemand könnte unter einem Auto eingeklemmt sein. Wir verlegen also mindestens zwei Hebekissen, schließen sie an die Pressluftflaschen an, pumpen sie auf und unterbauen das Fahrzeug mit Holz“, erklärt Lieger die Vorgehensweise. „Benötigen wir mehr Höhe, werden die Kissen auf einen weiteren Holzunterbau gelegt, erneut aufgepumpt und der Unterbau anschließend weiter erhöht.“ Doch das sei in den meisten Fällen gar nicht nötig, „denn häufig reichen schon 2 bis 3 cm aus, um eine Person aus ihrer misslichen Lage zu befreien“, führt er weiter aus.

…aufgepumpt.

„Manchmal aber können Hebekissen oder notfalls auch ein Wagenheber nichts ausrichten, etwa wenn jemand in horizontaler Lage eingeklemmt ist“, leitet Lieger zur neuesten Errungenschaft unserer Feuerwehr über: Dem Multiforcekissen. Das besteht aus zwei kreisrunden übereinanderliegenden Luftkammern, von denen sich erst eine aufpumpt, um dann mit der zweiten Lasten wegzudrücken. Und das nicht nur in vertikaler Richtung: „Bei der Leipziger Feuerwehr kommen Multiforcekissen regelmäßig zum Einsatz. Und zwar bei Straßenbahnunfällen“, beschreibt Lieger den dortigen Einsatzzweck. Immer wieder komme es vor, dass Personen bei der Einfahrt der Bahnen zwischen Bahnsteigkante und Zug geraten und eingeklemmt werden oder schlimmer noch: Unter die Bahn geraten.“ Hier helfe kein Standardhebekissen weiter, denn die Bahn müsse seitlich weggedrückt werden, wofür das Multiforcekissen ideal sei: Es werde zwischen Bahnsteigkante und Straßenbahn geklemmt, aufgepumpt und die Bahn so seitlich etwas aus dem Gleis gehoben, um die verunglückte Person zu retten. Denn immerhin können diese speziellen und vor allem einzeln zu verwendenden Hebekissen Lasten von 28 t bewegen. „Mit denen kann man anschließend die Bahn sogar wieder auf die Schienen setzen“, so Lieger. Ein unschätzbarer Zeitvorteil: Denn bis ein Spezialkran angefordert, einsatzbereit sei und in Aktion trete, könne es für den Verunglückten schon längst zu spät sein.

Nun haben wir hier bei uns in Bergen zwar keine Straßenbahn, dafür aber regen Regionalverkehr auf der Schiene. Zudem: Die halbstündlich in den Bergener Bahnhof einfahrenden Züge sind keine tonnenschweren Eisenbahnwaggons mehr, sondern Triebzüge in Leichtbauweise. Wenn man so will, eine Tram in Groß und damit genau richtig für unser Multiforcekissen.

Und nachdem Lieger dieses Spezialhebekissen auf die Höhe eines Bürostuhls aufgepumpt hat, nimmt Kamerad Tilo Döhring vor versammelter Mannschaft demonstrativ auf dem Multiforcekissen Platz: „Diese Belastungsprobe ist dann also bestanden!“ – Auch wenn der Hauptlöschmeister nur einen Bruchteil der Hebekapazität wiegt.

FM M. Müller